St. Patrick

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Zwischen den Stühlen

gibt es

manchmal

ein Brett

das vor dem Kopf

Platz

gemacht hat OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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Meister neuer Ordnung

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eine Polemik

Seit nun mehr 5 Jahren stellen sich die Prüfungssausschüsse bundesweit der Herausforderung, die Meisterprüfung nach einer neuen Verordnung umzusetzen. Das ehrenwerte Ziel dieser Verordnung ist es, der Prüfung eine Praxisnähe zu verleihen, die den heutigen Anforderungen dieses gut 1000 Jahre alten Handwerks gerecht wird.

Da fangen die Probleme an.

Was sind die „heutigen Anforderungen“?

Wir bewegen uns in einem Handwerksfeld, in dem von Bestattung über Trocken- und Treppenbau bis zur Anfertigung von Möbeln, Musikinstrumenten und Segelyachten alles drin ist. Während der eine Betrieb gar nicht ausreichend Achsen an seinem CNC-Automaten haben kann, bedeutet einem anderen die Anschaffung eines Druckluftnaglers die Erfüllung aller Wünsche. Als ob dies nicht genug wäre, tingelt der eine mit einer handvoll Werkzeug-Systainer im Heck seines Dritthandlieferwagens als One-Man-Show durch die Lande, während ein anderer nach der Meisterprüfung Betriebsleiter einer Fensterbaufirma wird, in der allein seine Abteilung 60 Mitarbeiter umfasst. Noch diffuser wird das Bild, wenn man sich die regelmäßig erscheinenden Betriebsportraits in der „genau“ ansieht. Jeden Monat stellt ein Meister seinen Betrieb als für die Zukunft perfekt aufgestellt vor und vergißt dabei nicht, hinzuzufügen, daß, wer es anders mache, „in 5 Jahren weg vom Fenster“ sei. Daß sich die hier entworfenen Szenarien gern aufs heftigste widersprechen, stört offenbar niemanden.

Es sei aber auch herzlich gegönnt, ist es doch eine Wesensart von Handwerkern aller Couleur, die eigene Vorgehensweise als die einzig wahre anzusehen. Wäre das nicht so, gäbe es womöglich viel weniger von uns. Auch ein Kunde möchte ja von einem Handwerker vor allem eines: Sich gut aufgehoben fühlen. Und so findet dann auch jeder Topf einen Deckel.

Hinzu kommt noch: Selbst regional hat unser Handwerk unterschiedliche Werte und Traditionen. Nur zur Erinnerung: Wir sind die, die es nicht geschafft haben, dem Beruf bundesweit eine einheitliche Bezeichnung zu geben.

Wir sind eben stolze, eigenwillige, verschrobene Individualisten, alle miteinander.

Aber zurück zur Meisterprüfung:

In dem oben beschriebenen, sehr weiten Feld, ist es naturgemäß sehr viel schwieriger, einen einheitlichen Standard für eine Meisterprüfung zu finden, als -sagen wir- bei Heizungs- und Lüftungsbauern (was deren Leistung keineswegs schmälern soll).

Drum ist es auf eine gewisse Weise schlau, daß die Verfasser der neuen Verordnung sich darauf konzentriert haben, lediglich Teilaspekte der Anforderungen abzuprüfen: Die Fähigkeit, mit Kunden zu kommunizieren und ihre Wünsche umzusetzen einerseits, die einen Betrieb zu organisieren andererseits. Noch vor wenigen Jahren wurde das gerne mit dem Zusatz versehen, ein Meister habe ein Manager im Handwerk zu sein. Eine der angenehmen Folgen der vielen Krisen in letzter Zeit ist, daß diese Bezeichnung zusammen mit der Reputation derselben im Bankenwesen in der Versenkung verschwunden ist. Das Berufsleben eines Abteilungsleiters einer mittelgroßen Schreinerei wird in einer solchen Prüfung ebenso leidlich brauchbar abgebildet, wie das eines Betriebsinhabers, der vielleicht eine handvoll Mitarbeiter beschäftigt.

Wer mehr und anderes möchte, hat in diversen künstlerisch oder betriebswirtschaftlich orientierten Fortbildungsangeboten die Möglichkeit, sich weiter auszutoben.

So weit, so gut, könnte man sagen.

In der Erfüllung der Managermission offenbart sich allerdings auch eine neue Lücke in der Meisterprüfungsverordnung, die -in Kombination mit der ebenfalls vor einigen Jahren novellierten Handwerksordnung- ein Problem aufwirft. Dieses betrifft die Ausbildungsfähigkeit der neuen Meister: Es ist nicht mehr verpflichtend, vor der Meisterprüfung Gesellenjahre abzuleisten. Die irrige Hypothese nämlich, daß Berufs- und vor allem Lebenserfahrung nicht nötig sei, um meisterlich zu arbeiten, schlägt sich auch in der HWO nieder. Das ist kein Spezifikum des Handwerks. Auch akademische Bildungsabschlüsse werden heute deutlich früher erlangt. Man ist offenbar allgemein zumindest auf der Politikerseite des deutschen Bildungswesens der Meinung, je früher einer Ingenieur, Bachelor, Master oder Meister wird, desto besser. Der Gedanke, daß hinter solchen Titeln eine Persönlichkeit stehen sollte, die diesen auch mit Inhalt zu füllen vermag, scheint aktuell nicht im Vordergrund zu stehen.

Noch eine kurze Erinnerung: Die Bezeichnung Meister leitet sich von dem lateinischen Wort Magister ab.

Zu Deutsch: Lehrer.

Die Ausbildung von jungen Menschen zu Handwerksgesellen ist ein so zentraler Gedanke in der Meisterprüfung, daß die Berechtigung dazu üblicherweise sogar auf dem Meisterbrief ausdrücklich erwähnt wird.

Und nun werden Menschen Meister, unmittelbar, nachdem sie die Gesellenprüfung abgelegt haben. Es gab da mal ein Sprichwort, von dem, der was ersann. Fragt sich also, wo der Geselle das Können herhaben soll, wenn er sein frisch erlerntes Handwerk nicht erst einmal tut.

Dummerweise wird der Effekt durch die Meisterprüfungsverordnung für Tischler noch verstärkt, denn handwerkliches Können und die Vermittlung davon wird so gut wie gar nicht mehr abgefragt. An dieser Stelle bitte ich, mir den Hinweis auf Teil IV der Meisterprüfung zu ersparen. Ich habe in 25 Berufsjahren noch nicht einen Meister angetroffen, der ernsthaft behauptet hat, er habe in den Fächern Berufs- und Arbeitspädagogik auf der Meisterschule erlernt, wie man einem Lehrling etwas beibringt. Und, ja: Auch früher wurde in den Teilen I und II die Ausbildungsfähigkeit nicht explizit abgefragt. Dennoch gab es einen großen Unterschied: Das Meisterstück.

Ein Möbel also, mit dem man sich beinah Tag und Nacht beschäftigte, ein Möbel, das zeigen sollte, was man kann, und was man ersann. Ein Möbel, das einen zur Auseinandersetzung mit handwerklichen Fertigungstechniken zwingt. Und -sehr wichtig- ein Möbel, auf das man stolz ist. Der Begriff ist so positiv besetzt, daß vornehme Armbanduhren und Füllfederhalter so heißen.

Und was haben wir stattdessen heute?

Ein Teilerzeugnis.

Ein Wort, bei dessen Klang man meinen könnte, die DDR sei zurückgekehrt. Es ist bestimmt kein Zufall, daß die Bewertung dieses Stücks in der Prüfung so herabgestuft wurde, daß man heutzutage Meister werden kann, ohne das Teil überhaupt abzugeben, wenn man denn die anderen Prüfungsteile hinreichend gut absolviert.

Die Fachpraxis, insbesondere der Teil, ein dem es um das Zeigen traditioneller handwerklicher Techniken geht, hat in der Prüfungsverordnung eine geradezu dramatische Abwertung erfahren. In Verbindung mit der Tatsache, daß man die Prüfung ohne nachgewiesene Berufserfahrung ablegen kann, ist das nichts weniger als eine Gefahr für den Fortbestand unseres Handwerks.

Genauer gesagt: Mit diesen Voraussetzungen stellt sich die Frage, warum für unser Handwerk der Meisterzwang noch länger gelten soll. Um nicht mißverstanden zu werden: Ja, ich bin dafür, daß Tischlerei/Schreinerei ein Meisterhandwerk ist. Ich finde nur, daß ein Meister auch ein, nun ja, Meister sein sollte.

Wozu meines Erachtens zwingend gehört, daß man sich mit der Verarbeitung von Holz -und nicht nur von Holzwerkstoffen- auskennt. Ein guter Massivholzschreiner kann jedenfalls auch Platten verarbeiten, umgekehrt trifft das eben nicht zu.

Einwand:

Die handwerkliche Fertigung von Holzverbindungen kommt in der gewerblichen Praxis kaum noch vor.

Das stimmt zwar, aber auch Holzwerkstoffe sind aus Holz. Wir belegen Spanplatten beidseitig mit Furnier, weil sie gerade bleiben sollen. Das, was sie möglicherweise rund werden lässt, ist eine Eigenschaft von Massivholz.

Heute trifft man bereits in Meisterkursen Menschen an, die auf die Frage, warum man Blindfurnier verwendet, nur zu sagen wissen: „Das macht man so.“

Holz ist unser Grundwerkstoff; wer dessen Verhalten und Verarbeitung verstanden hat, versteht auch alles andere, was zur korrekten Anfertigung nötig ist.

Überdies, und nun reihe ich mich ein in die Kristallkugelgucker, wird die Verarbeitung von Platten zu laufenden Metern Möbel in wenigen Jahren etwas sein, womit Tischler -wenn überhaupt- nur noch auf der Montage zu tun kriegen. Wer noch nicht weiß, wovon ich hier spreche, dem empfehle ich einen Besuch bei speedmaster. Der Plattenschreiner ist ein Auslaufmodell.

Wir werden also Montagebetriebe haben und Handwerksbetriebe, solche die -noch und wieder- Handwerk machen.

Damit schließt sich der Kreis: Die „heutigen Anforderungen“ sind vielfältig. Es gehört Betriebsorganisation dazu, Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen in Kunden und die Beherrschung des Handwerks, auch und gerade des Traditionellen. Dies nicht zuletzt, um es an die kommenden Generationen weitergeben zu können.

Das wäre auch recht einfach zu bewerkstelligen: Man führe 3 verpflichtende Gesellenjahre wieder ein, und gebe uns das Meisterstück zurück. Fertig. Dafür muß man übrigens auf das Meisterprüfungsprojekt gar nicht verzichten.

Klotz und Keil

20130620_121326oder heute: Kopf ohne Holz:

Freiheit

Kürzlich habe ich einen Obdachlosen gesehen; er saß auf der Straße, verkaufte kleine gestrickte Puppen und vor ihm stand ein Schild: „Mein Chef hat seine Firma in die Insolvenz getrieben. Des­wegen bin ich arbeitslos.“ Einige Tage später sah ich einen weiteren Nichtseßhaften. Der schnitzte kleine Holzfiguren und auf seinem Schild stand: „Arbeiten ist besser als betteln.“

Das ist toll, oder? In dieser Gesellschaft werfen sogar die mit Moral um sich, die von nichts als Gna­de leben. Selbst die Penner glauben, sich ein Almosen verdienen zu müssen.

Und leider haben sie damit recht. Schlimm genug, daß es kein Recht auf ein auskömmliches Leben ohne milde Gaben gibt, nein, sie sollten dankbar sein. Dafür, daß es Tafeln gibt. Dafür, daß wir un­sere abgelaufenen Lebensmittel in sie hinein entsorgen, so wie unser schlechtes Gewissen.

Und weil sie diese Lektion gründlich gelernt haben, erklären sie noch auf der Straße sitzend: ich bin nicht schuld. Ein anderer ist schuld. Und ich arbeite. An mir und überhaupt. Arbeit macht ja be­kanntlich frei.

Das ist wichtig: Bereitschaft zur Arbeit und nicht selbst schuld zu sein. Denn wir können Leute, die selbst schuld sind, nicht leiden. Oder besser: wir können uns von Ihnen abwenden. Einem selbstschuldigen braucht man nicht zu helfen. Edward Snowden zum Beispiel. Oder Bradley Man­ning. Die haben gegen Gesetze verstoßen, kann man sich das vorstellen. Ja, dann…

Wir gießen das „selbst schuld“ schon in Gerichtsurteile und Gesetze: Vor einigen Tagen hat ein Oberlandesgericht einer Radfahrerin, die von einer Autotür eines parkenden Wagens umgerisse­nen wurde, eine 20%ige Teilschuld an ihrer Kopfverletzung gegeben, weil sie keinen Helm getragen hat. Selbst schuld.

Ist außerdem kein schöner Anblick, so ne Verletzung. So wie Biertrinken auf der Straße, auch kein schöner Anblick. Laß uns das besser mal verbieten.

Oder Nichtraucherschutz. Konsequent gedacht heißt der doch: Bei Diagnose Lungenkrebs erst mal fragen: Hast du nicht geraucht? Dann bezahl‘ deine Behandlung selbst.

Diogenes hat auf die Straße geschissen. Der hat Menschen gesucht. Jesus hat mit Zöllnern ge­gessen. Und danach auf einem Berg was von Lilien auf dem Felde erzählt. Heute wäre der eine im Knast und der andere in der Psychatrie. Selbst schuld.

Das Gegenteil von Freiheit ist nicht Sklaverei. Es ist Angst.

Und Angst, gepaart mit Kontrolle, gebiert dieses selbst schuld. Ist so ne Art perverses Karma. Wenn ich mir nix zu schulden kommen lasse, dann winkt mich das Schicksal so durch. Nur wohin? In ein langes Leben ohne Risiken. Kein Blut, kein Schweiß, keine Tränen. Gib mir Wald, ich möchte pfeifen.

Ich glaube, so funktioniert das nicht. Ich glaube, die Schicht zwischen Wohlstand und Armut ist dünner als das Blatt Papier, auf dem gedruckt steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Die Anerkennung der Tatsache, daß alles, was wir sind und alles, was wir haben, jederzeit verloren werden kann, hilft bei der Einsicht, daß es nichts gibt, was die und uns trennt.

Kontrolle ist überflüssig, Schuldzuweisung gefährlich und Vertrauen wichtig. Es ist das wichtigste. In die Liebe, die Menschen, und das Leben selbst. Man muß es umarmen, mit allem was man hat. Und was es hat. Es umarmt zurück. Und das -glaube ich- ist Freiheit.

goldener schnitt und kalter kaffee

es gilt der goldene schnitt als eine DER grundlagen für die gelungene gestaltung von möbeln und einrichtungsgegenständen (und natürlich für einen haufen anderer dinge auch, kunst zum beispiel).

da kann man sich ja mal fragen, warum das eigentlich so ist. und warum es so scheint, als ob das heute keine große rolle mehr spielt. wenn man nämlich angehende gesellen (und auch meister) danach fragt, warum sie dem möbel, das sie als gesellen- oder meisterstück vorstellen, diese oder jene proportion gegeben haben, hört man allzu oft: „das finde ich schön“. dies erscheint mir als begründung eines fachmanns/einer fachfrau arg dürftig.

aber von anfang an: zunächst ist der goldene schnitt eine einfache streckenteilung dergestalt, daß die kleinere teilstrecke zur größeren zahlenmäßig dasselbe verhältnis aufweist, wie die größere zur gesamten strecke: 0,618 : 1  bzw. 1 : 1,618.

diese maßverhältnisse kommen in der natur sehr oft vor, zum beispiel bei den abständen  von adern eines laubblattes, den menschlichen arm- und fingergliedern, der spirale eines schneckenhauses oder auch -bei den meisten menschen- im verhältnis von bauchnabelhöhe und körpergroße. messen Sie das ruhig mal nach. harmonie eben…

wenn nun major und minor nicht längs aneinandergehangen, sondern im rechten winkel zueinander aufgestellt werden, entsteht ein rechteck, und zwar ebenfalls ein goldenes. damit sind wir mitten im möbelbau. das rechteck ist nach wie vor DIE grundform, wenn es um die gestaltung von eigentlich allen einrichtungsgegenständen außer den sitzmöbeln geht (und da auch oft). warum? ich denke, es hängt mit der ausrichtung unseres körpers in der welt zusammen. mit einer senkrechten achse orientieren wir uns stets an einem waagerechten horizont, tragen den rechten winkel also sozusagen in uns. da ist es angenehm, wenn man ihm auch draußen begegnet. so, wie dem goldenen schnitt.

exkurs: selbstverständlich gibt es ein ganze reihe anderer harmonischer rechtecke, z.b. das quadrat (1:1), das din-rechteck (1:√2) oder das japanische tatami (1:2). wer sich hiermit eingehender beschäftigen will, dem empfehle ich sehr das wunderbare, leider nur antiquarisch zu erhaltende „das buch vom rechteck“ von wolfgang von wersin.

mit diesem proportionsfindungswerkzeug lässt sich sehr gut arbeiten. man kann eine ausgewogene form entwickeln, ohne sich dem schwammigen „das finde ich schön“ hinzugeben. tatsächlich glaube ich, daß das eine nur für prüfungskommisionen kreierte und in den meisten fällen zumindest halb geschwindelte antwort ist, die darüber hinwegtäuschen soll, daß man sich über die qualität der form nur wenig oder gar keine gedanken gemacht hat. oder aber diese wichtige arbeit ausschließlich auf der intuitiven und emotionalen ebene abgewickelt hat.

ich habe durchaus nichts dagegen, selbst entworfene möbel auch schön zu finden. es darf nur nicht alles sein. es muss eine fachlich fundierte antwort auf die frage geben: „warum hat das möbel diese form?“ erst diese bewußte ebene macht einen entwurf komplett. sodann kann man die emotionale reaktion getrost dem kunden überantworten.  in dessen gegenwart jedenfalls sollte man die äußerung „das finde ich schön“ ausschließlich diesem selbst überlassen, am besten ungefragt. wenn der es dann sagt, darf man gewiß sein, mit dem oben erwähnten werkzeug gut gearbeitet zu haben.

noch ein exkurs: es gilt auch immer noch louis sullivans wunderbares wort, von der der funktion folgenden form:„’Whether it be the sweeping eagle in his flight, or the open apple-blossom, the toiling work-horse, the blithe swan, the branching oak, the winding stream at its base, the drifting clouds, over all the coursing sun, form ever follows function, and this is the law. Where function does not change form does not change.“

mit diesem grundsatz im hinterkopf und der suche nach der harmonischen form in herz, hand und hirn ist man auf einem guten, einem sehr guten gestalterischen weg, und einem stets aktuellen obendrein.

vom ende der lehre

im bildungszentrum der handwerkskammer zu köln gibt es einen konferenzraum. er liegt im 5. stock und man hat von dort einen ziemlich weiten blick. dieser schweift zwar nur über ein gewerbegebiet, bietet aber auch viel himmel.

bemerkenswerter ist allerdings die seite des raums, an der sich keine fenster befinden: dort hängen kopien von gesellen- und meisterbriefen aus vergangenen zeiten. einer ist von einem schneider. sehr passend für köln, wo doch erst des schneiders weibes neugier es nötig gemacht hat, daß die handwerker tatsächlich arbeiten müssen, aber das ist eine andere geschichte. diesem schneider jedenfalls wurde am 17.april 1921 bescheinigt, daß er sich erforderliche kenntnisse und fertigkeiten angeeignet hat, und die gesellenprüfung bestanden.

so oder ähnlich, allerdings sprachlich wesentlich anspruchloser, findet sich das auch heute auf entsprechenden zeugnissen wieder. der entscheidende satz jedoch kommt  jetzt: „wir ersuchen jeden, ihm zu seinem fortkommen hülfreiche hand zu bieten.“

darin steckt meines erachtens eine weitsicht und weisheit, die man heute wieder aufnehmen sollte. erstens: die erkenntnis, daß jemand mit einer frisch bestandenen gesellenprüfung ein berufsanfänger ist. und nicht etwa einer, der alles und von dem alles erwartet werden kann. zweitens: um sich zu entwicklen, braucht ein anfänger hilfe und unterstützung, und zwar von den alten und erfahrenen. das ist handwerkstradition.

drum war es früher üblicher als heute, zu wandern. nur nebenbei: es ist kein zufall, daß die bezeichnung „geselle“ aus wandervereinen stammt. in der englischen sprache heißt das „journeyman“, also eine bezeichnung, in der das reisen schon im namen steckt. das reisen und arbeiten an verschiedenen stellen und orten führt zu tiefe und erfahrung, persönlich wie beruflich.

losgesprochen vom lehrherrn, bekommt der junge geselle den schützenden wunsch mit auf dem weg, menschen zu treffen, die ihm zu dieser tiefe und erfahrung begleitung und hilfe bieten. das ist ein so schöner wunsch, daß ich mich frage, warum er nicht heute noch auf lehrzeugnissen steht.

nach diesen wanderjahren folgte häufig die meisterschule und -prüfung. jetzt also war man angekommen im beruf, und bereit (und in der lage), seinerseits auszubilden.

das ist heute leider ebenfalls anders, denn man kann nun die meisterprüfung unmittelbar nach der gesellenprüfung machen. es heißt dazu, der meister solle heute mehr ein manager sein. als ob es dazu keine persönliche und berufliche reife benötigte. und die menschen sollen schneller selbständig werden, sprich, dem arbeitsmarkt zur verfügung stehen. aus einem ähnlichen geist ist auch die verkürzung der schulzeit auf 12 jahre bis zum abitur geboren. all das ist vor allem eines: unfug. gut ding will weile haben. und wer schaffen will, muss fröhlich sein. nur weil das alte sprüche sind, sind sie nicht weniger wahr.

in einer zeit, in der sogar universitäten ihre abschlußtitel dem handwerk entleihen, denn „bachelor“ und „master“ sind ja nun mal geselle und meister (leider ist die qualität solcher abschlüsse davon auch nicht besser geworden, eher schlechter, denn die alten sprüche gelten auch hier), in dieser zeit also, finde ich, soll das handwerk ein wahrer von qualität sein. nicht von einer irgendwie zertifiziert gemanagten, sondern von einer guten.

also, lasst uns gut ausbilden. und eine hülfreiche hand bieten.

lieblingsstück

das museum für angewandte kunst in köln: davor sitzen die herren wallraff und richartz; gelegentlich feiern sie karneval.
drin befindet sich eine erstklassige sammlung wunderbarer möbel aller epochen (unter anderem).

als mitglied des arbeitskreises sollte ich einen artikel zu meinem lieblingsstück verfassen, und der ist hier:

Der Frankfurter Hochhausschrank F1 ist, man kann es in jedem Design-Führer des 20. Jahrhunderts nachlesen, eine Ikone der Postmoderne.

Mit diesem Schrank haben es die Gestalter, allesamt Frankfurter Architekten, im Jahre 1985 geschafft, die bunte Verspieltheit der italienischen Memphis Group mit dem deut­schen Anspruch an Qualität und Wertigkeit zu versöhnen.

Eine bemerkenswerte Leistung, galten doch die schrillen Entwürfe der jungen Designer um Ettore Sottsass hatten, im Land der Ulmer Hochschule für Gestaltung durchaus als bil­liges, ja, wirres Zeug.

Norbert Berghof, Michael Landes und Wolfgang Rang haben sich dennoch getraut, hier einmal nicht weniger, sondern mehr mehr sein zu lassen, aber eben mit höchsten Ansprü­chen an Material und Ausführung. Also ließ Hersteller Draenert den Schrank in einer Aufla­ge von nur 100 Exemplaren in Einzelfertigung durch einen Orgelbauer herstellen, meister­haft gemacht und mit edlen Materialien wie Vogelaugenahorn, Blattgold und Marmor.

So steht der clownesken Komik des Entwurfs mit seinen Hüten und Bällen eine handwerk­liche Noblesse gegenüber, die eine Balance herstellt. Das ist der Grund, warum der Entwurf bis heute funktioniert und Gültigkeit hat: Der Schrank erzählt eine Ge­schichte.

Es macht Spaß, das Möbel mit allen Sinnen zu begreifen, bis in die Details des Innenle­bens hinein (es gibt z.B. im Inneren des Sekretärs ein ebenso simples wie in seiner Bedie­nung ausgeklügeltes Geheimfach).

Auch der Name spielt fein ironisch mit dem wuchtigen Barock des Frankfurter Wellen­schranks und gleichzeitig mit dem in diese Zeit gehörenden Bekenntnis seiner Heimatstadt zum Hochhausbau. Man kann sich hier „Mainhattan“ ins Wohnzimmer holen.

Dies alles ließe sich weiter ausführen und erklärt den mu­sealen Rang, den dieses „Möbel-Haus“ weltweit in den Designabteilungen genießt. Mein Lieblingsstück ist es deswegen noch nicht.

Aber ein noch nicht einmal 30 Jahre alter Entwurf hat den großen Vorzug, daß man mit seinen Verfassern noch persönlich sprechen kann, selbst dann, wenn jeder von ihnen heu­te seine eigenen Wege geht.Ich habe diese Reise gemacht und einen Vormittag lang mit drei sehr freundlichen, sehr gestandenen Herren gesprochen, über den Schrank, über die Bedeutung von Gestaltung und Architektur, über das Lernen und Lehren und den Wandel der Zeit in diesen Jahren. Es war ein reichhaltiges und tiefsinniges Gespräch, das mir nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Die Architekten, heute teils selbst Hochschullehrer, erzählen von ihrem eigenen Studium, von der Erfahrung der Welt, von der Zeit, die sie sich dafür nehmen konnten, von den Rei­sen. „Wir haben uns selbst ausgebildet.“, erfahre ich, und: „Die Qualität von Darmstadt war, daß die Professoren nicht da waren.“ Ich denke kurz an Bachelor, an Master und an Rankings für Lehrkräfte, an den Meßbarkeitswahn, der der heutigen Zeit innewohnt.

Diese drei sind Universalisten geworden, beschäftigen sich auch mit den Dingen, die rechts und links am Wegrand liegen, und manchmal biegen sie einfach ab. Sie haben die Erzählungen gehört und verstanden, eine gute Grundlage dafür, selbst so zu arbeiten. Deswegen haben ihre Häuser, ihre Möbel durchweg diesen „hinweisend narrativen“ Cha­rakter.

Es ging uns nicht darum, die Verhältnisse zu vulgarisieren, sondern zu karnevalisieren, sie bewusst von den Füßen auf den Kopf zu stellen.“

Ich freue mich, daß es Ihnen gelungen ist, und betrete den ICE am Frankfurter Haupt­bahnhof mit den Gedanken an mein Lieblingsstück im MAKK.